Februar 15, 2018

DARMSTADT – Stehen unter Darmstädter Straßenlaternen bald reihenweise Elektroautos mit Kabelverbindung zum Laternenmast, die über Nacht ihre Akkus aufladen? Die Nutzung der Straßenbeleuchtung als Ladestellen für Stromfahrzeuge hat die SPD im Stadtparlament gefordert. Dort seien schließlich bereits Stromkabel verlegt. Verkehrsexperten der grün-schwarzen Koalition haben die Anregung umgehend zurückgewiesen: Technisch unmöglich, lautete ihr Argument unter Berufung auf Angaben des Versorgers Entega (wir haben berichtet).

Wer hat recht? „Es kommt darauf an“, sagt Knut Hechtfischer diplomatisch, „die richtige Frage zu stellen.“ Die von Hechtfischer mitgegründete und geleitete Firma Ubitricity bietet Lösungen für Elektromobilität an, vertreibt selbst entwickelte Ladekabel mit mobilem Stromzähler und hat in London, Oxford und Berlin nach eigenen Angaben bereits mehrere hundert Ladestellen eingerichtet. Darunter sind auch viele in Laternenmasten.

In London und Berlin, sagt Hechtfischer, sei dies nicht weiter schwierig. Dort sei jede einzelne Straßenlaterne mit einem eigenen Kabel ans Stromnetz angeschlossen. In anderen Städten, etwa in Darmstadt, seien Laternen gruppenweise mit der Hauptleitung verbunden. Die Folge: Der an den einzelnen Laternen anliegende Strom sei zu schwach, um zusätzlich noch einen Pkw-Akku zu laden.

Dies ist ein wesentliches Argument, dass die Stadtverordneten Stefan Opitz (Grüne) und Ludwig Achenbach (CDU) gegen den Laternen-Vorstoß ihres SPD-Kollegen Tim Huß ins Feld führten: Die Kabelquerschnitte seien schlicht zu gering für die nötige Leistung, erklärten sie.

„Je stärker der Kabelquerschnitt, desto besser“, räumt Hechtfischer ein. „Die interessante Frage ist, für welche Anwendungsfälle es sich trotzdem lohnt.“ Die Diskussion leide darunter, dass immer nur zwischen „uneingeschränkt geeignet“ und „völlig ungeeignet“ unterschieden werde. Klar sei, dass man eine Lade-Infrastruktur für die E-Mobilität nicht nur auf Straßenlaternen stützen könne. „Es geht ja auch nicht darum, alle Lichtmasten gleichzeitig als Ladestationen herzurichten. Aber auch in Darmstadt könnte die Stromleistung bei Auswahl der richtigen Laternen, die nicht zu weit von der Hauptleitung entfernt stehen, zur Aufladung von Autos über Nacht ausreichen.“ Und so arg viele Elektroautos gebe es bislang ja nicht.

Das Netz, sagt der Berliner Ladetechnik-Unternehmer, könne so Stück für Stück mit dem Bestand an E-Fahrzeugen wachsen. Die Gesamtzahl der Laternenmasten in der 160.000-Einwohner-Stadt schätzt er auf etwa 15.000. Von diesen würden jährlich erfahrungsgemäß einige Hundert altersbedingt ausgetauscht. Bei dieser Gelegenheit könnten kostensparend Masten mit integrierter Stromzapfstelle aufgestellt werden.

Dabei könnte auch ein weiteres Problem gelöst werden: die in Darmstadt übliche Abschaltung der Stromversorgung für die Laternen tagsüber. Ladestellen hingegen brauchen auch am Tag Strom. Die Beleuchtung könne per Funkschalter gesondert geregelt werden, sagt Hechtfischer dazu. So werde andernorts bereits verfahren.

Der Unternehmer rät zur Prüfung des Potenzials für Ladesäulen in Darmstadt. Im Rahmen des staatlichen „Sofortprogramms Saubere Luft“ stünden 100 Millionen Euro für die Schaffung örtlicher Lade-Infrastrukturen für E-Mobilität bereit. Der Bund könne solche Maßnahmen jetzt zu 100 Prozent finanzieren.

Konzept für 95.000 Euro

„Hier bietet sich gerade eine echte Chance, das einmal gemeinsam zu prüfen“, sagt Hechtfischer. Allerdings endet die Frist zur Einreichung von Projektskizzen in einer ersten Verfahrensstufe Ende März.

Der Darmstädter Magistrat hat Ende Januar beschlossen, ein Elektromobilitäts-Konzept in Auftrag zu geben, das Aufschluss über die nötige Infrastruktur geben soll. Die Kosten des Konzepts beziffert die Stadt auf 95.000 Euro. Davon trägt sie 19.000 Euro, der Rest (80 Prozent) wird vom Bundesverkehrsministerium als Teil der Förderung kommunaler Mobilitätskonzepte finanziert.

Quelle: Echo online