September 11, 2017
ubitricity-Gründer Knut Hechtfischer über Laternen als Stromlieferanten, lange Entwicklungszyklen und den politischen Wind, der sich gedreht hat Knut, ihr startet gerade ein Projekt in London. Worum geht es da? In London haben die meisten Bewohner keinen eigenen Parkplatz – auch die nicht, die sich den teuren Wohnraum und ein Auto in Zentral-London leisten können. Gleichzeitig sind viele daran interessiert, Elektroautos zu fahren. Das hat verschiedenen Gründe, die schlechte Luft ist einer davon. Das Problem ist, dass die Londoner ihr Elektroauto nirgendwo aufladen können. Das Problem können wir lösen, indem wir die Londo-ner Straßenlaternen zu Ladestationen umrüsten, an denen mit unserem Smart Cable geladen werden kann. Bisher habt ihr Kunden wie die Stadt-werke Unna, Iserlohn und Schwerte. London ist deutlich größer, kannst du etwas über die Dimension des Projekts sagen? Jedes beliebig große Projekt fängt klein an. Wir haben die ersten 100 Ladesäulen in London fer-tig und wir hoffen, dass wir im Laufe des nächsten Jahres schon 1000 installiert haben werden. Dabei werden wir von unseren Gesellschaftern unterstützt, zu denen neben Heinz Dürr Invest auch die französische EDF-Gruppe gehört. Insofern ist das Ganze anspruchsvoll, aber nicht unmöglich. Wer hat euch nach London geholt, die Stadtverwaltung? Als Startup muss man sich selbst ins Geschäft bringen. Wir haben im Jahr 2015 das erste Mal auf Bezirksebene Gespräche geführt. Und warum installiert Ihr das in London und nicht Berlin? Wir sind seit 2013 auch in Berlin mit der Ladeinfrastruktur an einigen Laternen vertreten. Aber in London werden wir gefördert und in Berlin eher geduldet. Die Senatsverwaltung hat sich für ein anderes System entschieden. Wir bemühen uns aber, auch in unserer Heimatstadt weiter zu kommen. In London wird das Problem jedoch als dringender erachtet: Die Straßen sind dort noch verstopfter und noch verrußter. Und auch die Elektroauto-Quote ist dort höher. Du hast ubitricity 2008 gemeinsam mit Frank Pawlitschek gegründet. Das ist fast zehn Jahre her. Wie hat sich eure Vision seither verändert? Die Vision ist intakt. Wir haben das im Namen des Unternehmens hinterlegt: Es geht darum, für E-Autos überall – ubiquitous – den Zugang zur electricity möglich zu machen. Vollständig heißen wir ubitricity – Gesellschaft für verteilte Energiesysteme. Es geht darum, dass Autos über-all ans Netz kommen müssen. Und wir meinen, die sinnvollste Möglichkeit, dies auch bezahlbar zu machen, ist, das zu nutzen, was schon da ist. In unserem Fall die Laternen. Und wir setzen auf mobile Elektronik im Kabel oder Auto, um sie verwenden zu können. Klingt eigentlich ganz einfach. Es ist dann aber doch etwas komplizierter. Wer für intelligente Anwendungen an das Netz heran will, braucht eine IP-Adresse für jedes Auto und eine energiewirtschaftliche Adresse, also eine Zählernummer, ähnlich wie für den Strom zu Hause. Nur ist die in unserem Fall mobil, denn das Auto soll ja überall ans Netz kommen können, um die Batterie bei Bedarf laden zu können. Erst dann kann man Tarife und Geschäftsmodelle entwickeln und damit letztend-lich die Elektromobilität preiswert machen. Wir sehen die Elektromobilität untrennbar mit der Energiewende verbunden. Sie hilft Wind- und Solarenergie besser zu puffern. Die Autos sind sozusagen rollende Akkus. Immer wenn sie ste-hen, müssen sie bereit sein, Wind- und Solarenergie zu tanken. Was sind denn die größten Schwierigkeiten? Die Idee, eine vorhandene Infrastruktur zu nutzen, scheint doch genial einfach zu sein. Einige Investoren haben uns gesagt: Eine geniale Lösung, aber das werden die euch nicht machen lassen. Und wer sind die? Die Energiewirtschaft und vielleicht auch die Automobilindustrie. Solange es nur wenig Ladeinfrastruktur gibt, kann das als Ausrede dienen, um noch ein paar Jahre länger Diesel-Fahrzeuge zu verkaufen. Und die Energiewirtschaft möchte lieber eigene Ladesäulen verkaufen. Und die Skeptiker haben recht? Nein. In den letzten Jahren gab es etliche gesetzgeberische Initiativen, also verschiedene Verordnungen oder europäische Richtlinien, die eher für die teureren, klassischen Ladesäulen mit Zählern formuliert wurden. Und jetzt meinen wir, dass sich der Wind politisch gedreht hat. Am Anfang waren wir noch die Außenseiter, dann die Theoretiker, dann waren wir ein Problem und jetzt gehen wir nicht mehr weg. Der Wind hat sich gedreht, warum? Weil jetzt Wettbewerb herrscht. Die Automobilwirtschaft muss das Problem jetzt lösen, weil sie das Elektroauto nicht mehr ignorieren kann. Sie muss jetzt wirklich Elektroautos verkaufen. Und wer das will, muss für Ladeinfrastruktur sorgen. Wer an diesem Punkt ist, dem kann es nicht mehr egal sein, ob und wie viel Ladeinfrastruktur es gibt. Zeigt die Autoindustrie Interesse an euch? Ja, eindeutig. Interesse gab es immer, neugieriges Beäugen. Inzwischen haben wir bereits mit verschiedenen Akteuren Projekte und auch Kundenbeziehungen. Aber man darf nicht vergessen, dass wir erst seit 2016 am Markt sind. Wenn man nur auf die Laterne schaut, sieht es recht einfach aus. Aber im Hintergrund gibt es unglaublich viel Regulierung. Wir haben fünf Jahre mit Verbundforschung, Feldtests und Pilotprojekten verbracht. Mit dem kommerziellen Pro-dukt sind wir erst seit gut einem Jahr am Markt. Die Energiewirtschaft interessiert sich übrigens schon deutlich stärker für die neuen Dienstleistungen rund um die Elektromobilität. Wie habt ihr es geschafft, das Team über diese lange Zeit motiviert zu halten? Ein ganz wichtiger Teil ist die Vision. Wir glauben daran, dass wir dazu beitragen können, dass die Elektromobilität deutlich schneller kommt und für Synergien von Energie- und Mobilitätswende sorgen wird. Die Elektromobilität wird den Speicher für künftige Windenergie- und Solarkraftwerke liefern. Die Menschen, die bei ubitricity arbeiten, sind stark durch diese Überzeugung motiviert. Hinzu kommt, dass die Lösung, die wir entwickeln, technisch sehr anspruchsvoll ist. Das betrifft die Backend-Entwicklung ebenso wie die Embedded Systems in der Hardware. Auch das motiviert die Leute. Wer hat euch über den langen Zeitraum unterstützt und was haben die Investoren gesagt? Natürlich dauert es allen zu lange. Unsere Investoren brauchen einen langen Atem und da haben wir das große Glück, dass wir auch ein Family Office hinter uns haben, das längere In-vestmenthorizonte betrachtet. Wer im Anlagenbau zu Hause ist und auch schon die Einführung mehrerer neuer Technologien erlebt hat, kennt lange Entwicklungszyklen. Erfahrene Leute wis-sen, dass die Einführung neuer Technologien wie der Elektromobilität in den Massenmarkt eine Generationenaufgabe ist. Hier hilft es nicht, mit einem Fünfjahreshorizont zu investieren. Welche Märkte wollt ihr als nächstes angehen? Neben UK haben wir auch in der Schweiz und in Dänemark erste kleinere Aktivitäten. Wichtig ist, dass wir die EDF-Gruppe als Investor haben. Électricité de France ist einer der größten Ener-gieversorger Europas und ist europaweit tätig. Davon möchten wir profitieren, wenn die Elektromobilität vorankommt. London wird für uns ein Leuchtturm sein. Dort gibt es mehr als drei Millionen Autos. In den nächsten Jahren werden allein dort tausende Ladepunkte gebraucht. Das sind große Zahlen und es ist ein extrem wettbewerbsintensiver Markt. Hier wollen viele zeigen, was sie können. Was muss passieren, damit Elektromobilität in Deutschland Realität wird? Wettbewerb. Tesla hat als neuer Wettbewerber die Entwicklung insgesamt erheblich vorangetrieben. Und auch die Chinesen beschleunigen in Sachen Elektromobilität. Aus industriepoli-tischer Perspektive muss man einfach nüchtern sagen: Wenn hunderttausende Arbeitsplätze am Verbrennungsmotor hängen und viele Milliarden in entsprechende Produktionsanlagen investiert wurden, dann wird sich keiner darum reißen, diese abzuschreiben. Unbequemer Wettbewerb und die CO2-Regulierung können da etwas ma-chen. Die Politik hätte nach meiner Auffassung schon in der Vergangenheit mehr auf Wettbewerb setzen müssen. Wie stellt ihr euch die Zukunft des Verkehrs in unseren Städten vor? Elektrisch, das steht bei uns natürlich ganz vorne. Außerdem wird der Anteil von Sharing-An-geboten massiv zunehmen. Vermutlich wird sich der Markt weiter spreizen in Premium auf der einen Seite, wo Leute sich besonders teure Autos kaufen. Und in den Sharing-Bereich auf der anderen Seite, wo es den Leuten wirklich nur auf den Transport von A nach B ankommt. Es wird einfach sehr verschiedene Angebote für verschiedene Bedürfnisse von Mobilität geben. Wir glauben auch nicht, dass in fünf Jahren keiner mehr ein Auto hat. Das wird schon noch dauern bis das eigene Auto zur Ausnahme wird. Und was die E-Flieger angeht, da bin ich skeptisch. Ich glaube, das wäre mit zu laut, wenn nachts einer durch die Straßen fliegt. Aber cool ist es schon. Source: Berlin Valley